Was ist betriebliches Gesundheitsmanagement? Wie funktioniert BGM in 2022?

Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) stellt einen ganzheitlichen und nachhaltigen strategischen Managementprozess dar. Dieser zielt darauf ab, in allen betrieblichen Prozessen, strategisch und operativ, auf der individuellen (Verhaltens-)Ebene wie auch auf der organisationalen (Verhältnis-)Ebene gesundheitsfördernde Bedingungen zu gestalten, die es ermöglichen, langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben.

Ganz wichtig: Ein gutes BGM betrifft nicht nur Einzelmaßnahmen, es geht dabei nicht nur um eine „Ausbesserung“ oder um die Verminderung von Risiken. Ein ganzheitliches und nachhaltiges BGM wird einen Wandel in der gesamten Betriebskultur bewirken. Damit wird Gesundheit zu einem gelebten Teil der Betriebskultur. Und gesunde Mitarbeitende sind die Grundlage für Leistungsfähigkeit und Erfolg – auf personaler und damit auch auf betrieblicher Ebene.

Abbildung 1: Positivspirale des BGM

Abbildung 1: Positivspirale des BGM

Und mit BGM denken wir unsere Vision nicht nur mit Blick auf die Arbeit, sondern für den gesamten Lebenskontext der Menschen. Denn betriebliches Gesundheitsmanagement kann Entwicklungen gestalten, die Betrieben, Beschäftigten und sogar unserer Gesellschaft gut tun – weil BGM Leistungskraft, Zufriedenheit und Wohlbefinden für die Zukunft sichert (siehe Abbildung 1).

Die Sichtweise auf und Erwartungen an die Arbeit haben sich in den letzten 100 Jahren stark verändert: Heutzutage wird Arbeit von vielen Menschen als ein wichtiger Teil des Lebens angesehen, der nicht nur unter wirtschaftlichen Aspekten wichtig ist, sondern auch für die eigene Entwicklung und Selbstverwirklichung von Bedeutung und sogar förderlich ist. Die Trennung von Arbeit und Leben, auch Work-Life-Balance genannt, ist in diesem Sinne nicht angemessen. Wir sprechen daher treffender von Work-Life-Integration. Denn im besten Fall ist die Arbeit eine erfüllende Quelle der Lebenszufriedenheit. Und dafür brauchen wir eine Arbeit, die uns gesund hält.

„Arbeit kann zu einem gesunden und zufriedenen Leben beitragen, wenn sie sich an uns, unseren Werten und Lebensphasen orientiert und verantwortungsvoll gestaltet wird“. (Babette Halbe-Haenschke)

Durch unseren Lebensstil tragen wir selbst zur Erhaltung und Förderung der Gesundheit bei – im Privatleben und am Arbeitsplatz. Aber auch Arbeitgeber und Unternehmen stehen in der Pflicht, durch ihr Umfeld, ihre Prozesse und Strukturen die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu erhalten und zu fördern. Von einem effektiven betrieblichen Gesundheitsmanagement profitieren Beschäftigte und Unternehmen gleichermaßen – im besten Fall leben beide Parteien die Maxime “gesund durch Arbeit” (statt “gesund trotz Arbeit”). Wir sprechen von einer klassischen Win-Win-Situation, wenn die Leistungsfähigkeit, das Wohlbefinden und die Lebensfreude der Beschäftigten steigen. Eingebettet in einen Kulturwandel mit neuen Anforderungen an die Arbeit steht der gesunde Mensch im Mittelpunkt erfolgreicher Betriebe.

Entwicklung von BGM

Um ein Verständnis dafür zu erwerben, was betriebliches Gesundheitsmanagement genau in der Praxis umfasst, lohnt sich ein Blick auf die historische Entwicklung und die Entstehung von BGM.

Früher – und leider in einigen Fällen auch heute noch – stellt(e) betriebliches Gesundheitsmanagement nur einzelne Maßnahmen in solitären Handlungsfeldern dar. Mit dem früher dominierenden, pathogenetisch-biomedizinischen Blick, der Gesundheit vor allem als Abwesenheit von Krankheit definiert, und Arbeitsbedingungen, wie sie in der Vergangenheit zu finden waren (z. B. im Zuge der Industrialisierung), ging es mit betrieblichen Maßnahmen lange vor allem darum, Krankheiten und Unfälle zu verhindern. Dies entspricht den heutigen Grundgedanken des Arbeitsschutzes und der Prävention. Auch in der deutschen Gesundheitspolitik und der öffentlichen Wahrnehmung stand bis in die 1970er-Jahre hinein primär die Gesunderhaltung und Prävention in Form der Gesundheitserziehung einzelner Personen im Fokus. In den späten Siebzigerjahren fand ein Paradigmenwechsel von Gesundheitserziehung hin zur Gesundheitsförderung statt. In der Folge etablierte sich ein ganzheitliches Gesundheitsverständnis, in dem berücksichtigt wird, dass psychische, physische und soziale Bedingungen sowie Umweltfaktoren gleichzeitig auf die Gesundheit einwirken und neben den Risikofaktoren die Gesundheitspotenziale in den Blick rücken. Dies wiederum hatte Auswirkungen auf das Verständnis von BGM und zunehmend auch auf dessen Umsetzungen.

Heute sehen Betriebe und Personalverantwortliche die Umsetzung von BGM immer stärker als ganzheitliche und präventive Aufgabe und sorgen mit Maßnahmen der Gesundheitsförderung dafür, dass Gesundheit gestärkt und damit Leistungskraft, Wohlbefinden und Zufriedenheit erhalten bzw. gefördert werden.

Die Entwicklung des BGM in Deutschland

Abbildung 2: Die Entwicklung des BGM in Deutschland

BGM heute: Die drei Säulen des BGM

Dieses sind die drei Säulen, auf denen ein betriebliches Gesundheitsmanagement immer fußen sollte:

  • Arbeits- und Gesundheitsschutz (AuG)
  • Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM)
  • Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF)

Abbildung 3 stellt die Ganzheitlichkeit eines zeitgemäßen und nachhaltigen BGM über dessen Stellung im übergeordneten Setting der Personal- und Organisationsentwicklung sowie der Verknüpfung der drei Säulen Arbeits- und Gesundheitsschutz, betriebliche Gesundheitsförderung und betriebliches Eingliederungsmanagement dar.Die drei Säulen des betrieblichen Gesundheitsmanagements

Abbildung 3: Die drei Säulen des betrieblichen Gesundheitsmanagements

Warum betriebliches Gesundheitsmanagement: Nutzen von BGM für Betrieb und Beschäftigte

BGM zahlt sich aus – für Betriebe und Beschäftigte und zwar in vielfältiger Hinsicht.

Verbesserte Produktivität, Mitarbeitendenzufriedenheit und Mitarbeitendenbindung

Durch die Förderung von Gesundheit erhöht sich nachweislich die Produktivität, die Mitarbeitendenzufriedenheit und die Mitarbeitendenbindung (Lück et al. 2009; Rothe et al. 2017, Gansser und Godbersen 2017).

Wirtschaftlicher Nutzen: Reduktion von Fehlzeiten und Kosteneinsparungen

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (2007) schätzt, dass bis zu 40 % der krankheitsbedingten Fehlzeiten durch ein gutes betriebliches Gesundheitsmanagement vermieden werden können.
Viele aktuellen Forschungen zeigen einen positiven Return on Investment (ROI) mit einem durchschnittlichen Verhältnis von 1:2,7 für Investitionen in die betriebliche Gesundheit (z. B. Barthelmes et al., 2019).

Gesteigerte Arbeitgeberattraktivität

Studien haben gezeigt, dass ein Großteil der deutschen Unternehmen die Erfahrung gemacht hat, dass BGM im Wettbewerb um Fachkräfte wichtig ist und zu einer positiven Arbeitgebermarke beitragen kann (Booz & Company 2011, Personalwirtschaft 2019).

Gesunde Gestaltung von neuen Arbeitswelten durch BGM

Unsere Welt ist VUKA (volatil, unsicher, komplex, ambig), dies hat sich z. B. deutlich in den Pandemie-Zeiten 2020-2022 gezeigt. Wandel wird künftig ein ständiger Begleiter für Betriebe und die Beschäftigten bleiben. Damit einher gehen verschiedene Herausforderungen, denen sich Betriebe stellen müssen, um fit für die Zukunft zu bleiben. Laut der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) sind der demografische Wandel, die fortschreitende Digitalisierung und die zunehmende Flexibilisierung der Arbeit nur einige davon (DGUV 2018).

BGM kann einen bedeutsamen Beitrag für gesunde Arbeitswelten leisten: von der Befähigung der Beschäftigten im Umgang mit Digitalisierung und Entgrenzung der Arbeit über die Verbesserung der Selbstmanagementkompetenzen und Resilienz bis hin zur Optimierung von Belastungen und der Stärkung von bzw. Schaffung neuer Ressourcen.

Verbesserung der Gesundheit der Beschäftigten: Verbesserung der körperlichen und psychischen Gesundheit, Vermeidung von krankheitsfördernden Verhaltensweisen, Förderung von Resilienz

Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements haben nachweislich einen positiven Einfluss auf die Gesund der Beschäftigten. Forschungen haben dies beispielsweise gezeigt im Hinblick auf die Reduzierung des BMI und Leistungsverbesserung (Bös, Jaizay und Härtel 2014), Verringerung von depressiven Symptomatiken (Ebert et al. 2014), Verminderung von Stress und Erschöpfungszuständen (Heber et al. 2016) und Verbesserungen des Schlafverhaltens sowie der Work-Life-Balance (Lehr et al. 2014).